Appell zur Corona-Schutzimpfung

Kleiner Piks, große Wirkung
Warendorf. „Impfen! Impfen! Impfen!“ Diesen eindringlichen Appell richten Georg Drees und Dietmar Fedde an die Bevölkerung. Ihnen fehlt das Verständnis, dass sich je nach Erhebung
25 bis 30 Prozent der Deutschen nicht gegen das Corona-Virus impfen lassen wollen. Die beiden Warendorfer wissen, welche schlimmen Folgen es haben kann, wenn man nicht geimpft wird. Sie haben sich als Kinder mit dem Poliovirus infiziert. Auf die Auswirkungen wollen sie mit ihrem Schicksal aufmerksam machen und beteiligen sich deshalb an einer Initiative der Bürgerstiftung Warendorf. Es ist nur ein kleiner Piks. Trotzdem scheuen den Schritt viele. Zu viele. Dabei entfaltet er eine große Wirkung.
Bis zum Hals steckt Dietmar Fedde in einer Stahlröhre fest. Drei Wochen lang. Mit Über- und Unterdruck wird die Lungenfunktion aufrechterhalten. Eiserne Lunge heißt das klinische Gerät, das eine maschinelle Beatmung ermöglicht und Feddes Leben rettet. Er ist damals ein kleiner Junge, aber mit der unbeschwerten Kindheit ist es vorbei. Im Jahr 1959 infiziert sich der Warendorfer mit Polio – jenem hochinfektiösen Virus, das die Kinderlähmung auslöst.
Die Schilderungen des 68-Jährigen gehen unter die Haut: „Wegen der Isolation war ich neun Monate von meiner Familie getrennt.“ Die Folgen der schweren Erkrankung sind sichtbar. Fedde ist auf den Rollstuhl angewiesen. Seine Beine kann er nicht benutzen. Und alles nur, weil er in den 1950er-Jahren nicht gegen das Poliovirus geimpft wird. „Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß“ lautet ab 1961 der Slogan in Anspielung darauf, dass die Impfung mit einem Stück Würfelzucker verabreicht wird und folglich kein bisschen weh tut. Zu spät für Dietmar Fedde. „Wir waren zu Hause fünf Kinder, von denen keiner geimpft wurde“, schildert er und begründet diesen Umstand mit Unwissenheit der Eltern.
„Ich hatte Angst vor der Impfung. Ich dachte, dass sie mit der Spritze erfolgt, und habe mich erfolgreich gewehrt, bis es in Vergessenheit geraten ist“, sagt Georg Drees. Auch der 69-Jährige infizierte sich mit Polio. Ebenfalls im Jahr 1959. Die folgenden Erlebnisse ähneln denen von Dietmar Fedde. Erkrankung, sechs Monate Isolation, Rehabilitation, der Rollstuhl beziehungsweise das Spezialfahrrad als ständiger Begleiter. Eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Betroffenen hadern nicht mit ihrem Schicksal. Sie haben es angenommen, das Beste aus ihrem Leben gemacht und sogar erfolgreich Leistungssport betrieben.

Schutz für sich und andere
Warendorf. „Bei vielen herrscht mittlerweile Nachlässigkeit. Wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist“, verdeutlicht Dietmar Fedde. Georg Drees fordert, Prioritäten zu setzen: „Wir müssen rigoros weiter impfen. Andere Begehrlichkeiten wie Urlaub gehören hinten angestellt.“ Herdenimmunität sei das Rezept gegen die Pandemie. Sonst befürchte er „verheerende Folgen“.
Die gesundheitlichen Schäden, die das Corona-Virus auslöst, sind noch nicht hinlänglich erforscht. Schon jetzt sind aber Fälle bekannt, in denen Menschen unter Langzeitfolgen, dem sogenannten Long-Covid-Syndrom, leiden. Von den mehr als 90 000 Toten in Deutschland, die in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion stehen, ganz zu schweigen.
Bei einer Polio-Infektion respektive Kinderlähmung treten im Zuge der Rehabilitation zunächst Verbesserungen auf. „Die gesunden Motoneurone waren freundlich“, sagt Drees im Hinblick auf jene Nervenzellen, die die Muskulatur des Körpers anregen. Mit zunehmendem Alter lassen die Funktionen jedoch häufig wieder nach. So auch bei Georg Drees und Dietmar Fedde. Man spricht von Post-Polio-Syndrom. „Ich merke, dass meine Nerven verrücktspielen, es zieht in den Armen“, berichtet Fedde. „Die Kraft lässt nach. Ein schleichender Prozess“, ergänzt Drees, der wie Fedde reagierte und den geliebten Sport herunterfuhr.
Den Ausführungen lauscht Dr. Hans Joachim Hilleke gebannt. Der in Beelen praktizierende Allgemeinmediziner, der Vorsitzender des Praxisnetzes Warendorfer Ärzte ist, stellt die Bedeutung des Impfens heraus: „Jeder, der sich impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch die Mitmenschen.“ Als Beleg für die Gefahr des Corona-Virus nennt der Mediziner die dramatischen Zustände, die sein Sohn als Pfleger auf der Intensivstation erlebt habe. Pädiater Dr. Romanus Röhnelt ergänzt: „Kinderärzte impfen viel und leisten täglich Überzeugungsarbeit bei Eltern. Die Prophylaxe von Krankheiten liegt uns daher besonders am Herzen.“
Voll hinter der Aktion der Bürgerstiftung steht Bürgermeister Peter Horstmann. „Als Stadt Warendorf können wir die Initiative nur unterstützen. Jede Person zählt. Wir wissen nicht, wie viele Wellen die Pandemie noch mit sich bringt“, akzentuiert er. Die menschlichen Schicksale von Georg Drees und Dietmar Fedde zeigten die Bedeutung von Impfungen auf drastische Weise. Umso erfreuter sei er, dass sie sich an der Initiative beteiligten.

Impfen, impfen, impfen: Diesen Appell richten (h. v. l.) Peter Horstmann (Bürgermeister der Stadt Warendorf), Klaus D. Ende (Vorstand Bürgerstiftung Warendorf), Mediziner Dr. Hans Joachim Hilleke sowie (v. v. l.) die Polio-Betroffenen Dietmar Fedde und Georg Drees an die Bevölkerung. (Nicht auf dem Foto: Dr. Romanus Röhnelt)